Wer holt noch schnell Milch? Gemeinsam einkaufen ohne Chat-Chaos

SharedGrocery ist eine kostenlose gemeinsame Einkaufsliste direkt in Telegram. Familie, Freunde oder Kollegen können Produkte eintragen, Einkäufe aufteilen und Änderungen gemeinsam verfolgen. Ein Telegram-Konto braucht man dafür schon – aber weder eine zusätzliche Einkaufslisten-App noch einen eigenen SharedGrocery-Account.

Wer stand schon einmal eine Viertelstunde vor Ladenschluss an der Kasse und überlegte, ob jemand den Kaffee mitgenommen hat?

Gemeinsame Einkaufsliste von SharedGrocery in Telegram
Ein gemeinsamer Einkaufszettel, statt im Familienchat nach verschollenen Nachrichten zu graben.

Wir können Datenbanken über Kontinente hinweg synchronisieren. Trotzdem gelingt es einer Familie regelmäßig, am Wocheneinkauf zu scheitern. Milch, Brot und Kaffee sind offenbar anspruchsvoller als verteilte Systeme.

Meine Frau und ich hatten zunächst eine einfache Lösung: Wir schrieben die Einkaufsliste in unseren Telegram-Chat. Immer dabei, für beide sichtbar, sogar nachträglich bearbeitbar. Klingt gut.

Bis die Liste zwischen Fotos, Verabredungen, Familiennachrichten und hundert anderen Dingen verschwand. Wer Kaffee suchte, musste digitale Archäologie betreiben.

Natürlich könnten wir eine separate App installieren. Davon gibt es reichlich gute. Nur müssten sie dann alle installieren. Und sich registrieren. Und eine Einladung finden. Und sich im richtigen Moment daran erinnern, dass es diese App überhaupt gibt.

Irgendwann schreibt dann doch jemand: „Bring bitte Kaffee mit!“ In Telegram. Weil dort die Familie ohnehin miteinander spricht.

Also stellte ich mir die Frage: Warum soll die Einkaufsliste nicht gleich dort bleiben, wo wir uns sowieso absprechen?

So entstand SharedGrocery, eine Telegram Mini App für gemeinsame Einkäufe.

Der ganz normale Wocheneinkauf

Die erste Anwendung ist denkbar unspektakulär: Der Kühlschrank ist leer, der Samstag rückt näher, und die Liste wächst über mehrere Tage.

Ich trage Tomaten, Brot und Kaffee ein. Meine Frau ergänzt die Dinge, die ich garantiert vergessen hätte. Wer zum Supermarkt fährt, öffnet dieselbe Liste. Wir können Produkte aufteilen und den Einkaufsstatus aktualisieren. Sobald eine Verbindung besteht, sehen die anderen die Änderungen ebenfalls.

Das ist erstaunlich entspannend. Statt „ICH HABE DOCH SCHON TOMATEN GEKAUFT!!!“ reicht es, einfach die Tomaten zu kaufen.

Persönliche und gemeinsame Einkaufsbereiche in SharedGrocery
Für den eigenen Einkauf, die Familie oder eine feste Gruppe gibt es getrennte Bereiche.

Produkte lassen sich auch per Sprache eingeben. Einfach „Milch, Brot, Bananen, Kaffee, Katzenfutter“ sagen, statt im Supermarkt Buchstabe für Buchstabe zu tippen.

Ganz ehrlich: Spracherkennung ist keine Gedankenübertragung. Bei Lärm, schnellem Sprechen oder ausgefallenen Produktnamen muss man manchmal nachbessern. Manchmal dauert es auch ein paar Sekunden. Eine kleine Schwäche, aber keine, die ich verstecken möchte.

So teilt ihr eine Einkaufsliste in Telegram

Falls ihr über Google hier gelandet seid und nicht über einen Streit um die Tomaten: Die praktische Anleitung ist kurz.

  1. Öffnet @SharedGroceryBot in Telegram und startet SharedGrocery.
  2. Erstellt einen gemeinsamen Bereich für Familie, WG oder Freunde und fügt eure Produkte hinzu.
  3. Schickt den Einladungslink an die Leute, die mit einkaufen. Sie treten über Telegram bei; ein zusätzlicher SharedGrocery-Account ist nicht nötig.
  4. Verteilt Produkte, wenn es sinnvoll ist, und aktualisiert beim Einkaufen ihren Status.

Den Bereich könnt ihr für den nächsten Wocheneinkauf weiterverwenden. Für eine einzelne Feier legt ihr ein eigenes Event an – dann landen Grillkohle und Geburtstagskerzen nicht auf der normalen Einkaufsliste.

WG, Grillabend, Büro: Irgendjemand vergisst immer die Kohle

Stellt euch einen Grillabend mit zehn Freunden vor. Im Gruppenchat klingt die Planung ungefähr so:

„Wer bringt die Grillkohle mit?“
„Ich dachte, du.“
„Ich besorge das Fleisch.“
„Und die Salate?“
„Welche Salate?“
„Hat jemand an Eiswürfel gedacht?“
„…“

Mit einer eigenen Event-Liste lässt sich leichter erkennen, was gebraucht wird und wer sich darum kümmert. Einer übernimmt die Getränke, jemand die Kohle, jemand anderes das Essen. Was schon besorgt ist, wird in der Liste sichtbar.

Das funktioniert genauso für einen Ausflug, eine Party oder den Einkauf fürs Büro. Bei regelmäßigen Bürobestellungen ist ein dauerhafter gemeinsamer Bereich sinnvoll.

Und in einer WG? Da ist die gemeinsame Einkaufsliste fast schon Friedenspolitik. Man braucht keine sieben Flaschen Spülmittel, bloß weil niemand wusste, wer diese Woche dran war.

Planungs- und Einkaufsansicht von SharedGrocery
Gemeinsam planen und im Geschäft sehen, was noch fehlt.

Die Hochzeit ist ein Sonderfall: Nicht alles soll jeder wissen

Bei normalen Einkäufen ist Transparenz hilfreich. Bei Überraschungen ist sie manchmal tödlich.

Nehmen wir eine Hochzeit mit Wunschliste. Wenn jeder sieht, wer was ausgewählt hat, weiß die ganze Runde sofort: Familie Müller übernimmt die Kaffeemaschine, Familie Schmidt den Staubsauger, und jemand hat sich um den geheimnisvollen Umschlag gekümmert.

Deshalb gibt es bei SharedGrocery besondere Events mit privater Auswahl.

Die organisierende Person pflegt die Wunschliste. Gäste sehen freie Artikel und die eigenen Auswahlen – nicht die Entscheidungen der anderen. Die organisierende Person sieht die Artikel, aber nicht, wer welchen Artikel ausgewählt hat.

So kann man Geschenke aufteilen, ohne die Überraschung in eine öffentliche Vergabeliste zu verwandeln. Das funktioniert auch zum runden Geburtstag oder Jubiläum.

Wichtig ist die Unterscheidung: In einer normalen gemeinsamen Einkaufsliste können andere Mitglieder die Zuordnung sehen. Bei diesem besonderen Event bleiben fremde Auswahlen verborgen.

Ein Einkaufszettel mit Hochzeitsblumen oder Halloween-Kürbissen

Rein technisch ähneln sich Wocheneinkauf, Wunschliste und Junggesellenabschied erstaunlich: aufschreiben, aufteilen, besorgen, nichts vergessen.

Trotzdem sollen sie nicht gleich aussehen. Darum gibt es für Events verschiedene Rahmen und Gestaltungsmöglichkeiten.

Für die Hochzeit passen Blumen. Für eine Weihnachtsfeier ein winterlicher Look. Und an Halloween dürfen die Kürbisse etwas auffälliger sein. Für eigene Ideen ist ebenfalls Platz.

Gestaltung und Frist eines Events in SharedGrocery
Eine Veranstaltung bekommt ihre eigene Liste, auf Wunsch mit Termin und passendem Design.

Die Erinnerung kommt – hoffentlich vor dem Grillabend

Für Veranstaltungen kann man eine Einkaufsfrist festlegen. Bei normalen Events kann eine Zusammenfassung an die Gruppe gehen: Was ist schon besorgt, was fehlt noch?

Bei Events mit privater Auswahl ist das anders. Eine Erinnerung an ein noch offenes Geschenk geht persönlich an die betroffene Person in Telegram, nicht an die ganze Gruppe. Schließlich soll es eine Überraschung bleiben.

Das ist besonders dann praktisch, wenn zwei Stunden vor dem Grillabend herauskommt, dass der Verantwortliche für die Kohle fest davon ausging, wir grillen erst morgen.

Private Geschenkauswahl bei einem besonderen Event
Bei Geschenken lassen sich freie Artikel auswählen, ohne die Auswahl anderer offenzulegen.

Und wo ist der Haken?

SharedGrocery will nicht die gesamte Familienorganisation übernehmen. Es ist keine Haushaltsbuch-App, kein Ausgabenanalyse-Werkzeug und kein Kalender für Zahnarzttermine. Einen Monatsbericht namens „Joghurtverbrauch – Soll/Ist, drittes Quartal“ gibt es ebenfalls nicht.

Es ist eine Einkaufsliste. Nur eben eine gemeinsame.

Offline funktioniert die Zusammenarbeit nicht; für die Synchronisierung braucht man eine Internetverbindung. Die Spracheingabe kann sich irren, und bei einem jungen, unabhängigen Produkt wird es sicher noch Ecken und Kanten geben.

Ein Vorteil eines kleinen Projekts: Wer sich über eine unpraktische Stelle beschwert, hat eine durchaus realistische Chance, dass genau der Mensch die Nachricht liest, der sie eingebaut hat. Rückmeldungen über den Bot sind willkommen.

Warum ist SharedGrocery kostenlos?

Eine rührende Geschichte über selbstlosen Einsatz könnte ich mir ausdenken. Die Wahrheit ist weniger glamourös.

SharedGrocery sucht seine ersten echten Nutzer. Das Werbebudget beträgt null Euro. Also versuche ich, den Einstieg so einfach wie möglich zu machen:

Sehen → in Telegram öffnen → beim nächsten echten Einkauf ausprobieren.

Keine Kreditkarte, kein kostenpflichtiger Testzeitraum, kein Abo, um eine Packung Milch auf die Liste zu setzen. Aktuell ist SharedGrocery kostenlos.

Für ein kleines Projekt hat eine gemeinsame Liste noch einen interessanten Effekt: Sie bleibt selten bei einer einzigen Person. Wer eine Familienliste anlegt, lädt jemanden ein. Wer einen Grillabend plant, schickt den Link an Freunde. Und beim Büroeinkauf kommen Kollegen dazu.

Mein Geschäftsmodell lässt sich derzeit daher ungefähr so zusammenfassen:

Etwas Nützliches bauen → kostenlos anbieten → hoffen, dass Menschen andere einladen.

Ob das aufgeht? Das finde ich gerade heraus. Echte Einkaufsrunden sind mir derzeit lieber als die Entwicklung von vier Tarifstufen namens Free, Pro, Premium und Schwiegermutter Enterprise.

Probiert es beim nächsten richtigen Einkauf

Wenn ihr ohnehin Telegram nutzt, legt nicht bloß eine Testliste mit „Milch, Brot, Eier“ an, um die Oberfläche zu bewundern.

Nehmt den nächsten echten Wocheneinkauf, Grillabend, Geburtstag oder Büroeinkauf. Tragt die Produkte ein, ladet die beteiligten Menschen ein und schaut, ob ihr mit weniger hektischen Nachrichten auskommt.

Im schlimmsten Fall kehrt ihr zum Gruppenchat zurück: „WER HAT DIE MILCH GEKAUFT?!“

Im besten Fall müsst ihr die Frage gar nicht mehr stellen.

P.S. Wer am Ende tatsächlich noch schnell die Milch holen muss, entscheidet SharedGrocery nicht. Schere, Stein, Papier bleibt den Menschen vorbehalten.